Du willst klar denken, den Überblick behalten, gelassen bleiben und souverän führen. Aber unter Druck greift dein System zu alten Mustern. Grübeln statt Fühlen. Tempo statt Innehalten. Kontrolle statt Loslassen.
Dein Körper weiss es längst. Nur hörst du nicht hin.
Warum wir im Stress in den Kopf flüchten
Sorgenvolle Gedanken und Ängste reizen unser Nervensystem. Grübeln ist Beschäftigung für den Kopf, ohne ins Fühlen zu kommen. Der Stress drückt vom Körper in den Kopf … und der tut ganz und gar nicht, was uns gut täte.
Wir wollen nicht fühlen. Ungewohnt und unangenehm.
Ich kenne das gut. Um meine unangenehmen Emotionen nicht zu fühlen, habe ich mich jahrelang mit Arbeit eingedeckt. Das gab mir ein gutes Gefühl. „Habe was geleistet“, und ich galt als produktiv. Der damit einhergehende Dopamin-Kick hat mich süchtig gemacht. Funktioniert hat es langfristig trotzdem nicht. Irgendwann holt dich der Körper ein. Bei mir waren es Rückenschmerzen, die zum Bandscheibenvorfall mutierten und innere Leere.
Das Nervensystem sucht Sicherheit, keine Lösungen
Wenn unser System gestresst ist, wählen wir immer das Vertraute. Das gibt Sicherheit. Auch wenn es uns schadet. Auch wenn wir kognitiv längst wissen, was uns gut täte.
Regulation ist für viele schwer aushaltbar, weil wir damit nicht vertraut sind. Die ersten Signale hören wir oft nicht: Ärger, Ungeduld, Wut, Angst, Traurigkeit, Scham. Und dann gehen wir in den Kopf, weil das Gefühl unangenehm ist. Im Kopf bin ich sicher. Der Verstand fühlt nicht.
Das Problem: Reflexion ist etwas anderes als Regulation. Ich kann stundenlang über meine Muster nachdenken. Mein Nervensystem bleibt trotzdem im Alarmmodus.
Was Führung mit dem Nervensystem zu tun hat
Mein innerer Zustand beeinflusst mein Gegenüber. Immer. In jedem Meeting, in jedem Gespräch, in jeder Entscheidung. Gerade in Zeiten hoher Dynamik und Unsicherheit ist das keine Soft-Skill-Frage, es ist Führungskompetenz.
Ein reguliertes Nervensystem bringt messbare Erfolge. In der Qualität deiner Entscheidungen. In der Ruhe, die du ausstrahlst. In der Klarheit, mit der du kommunizierst.
Wir werden gut in dem, was wir häufig tun. Wenn ich täglich im Stressmodus funktioniere, werde ich darin immer besser. Wenn ich lerne, mich zu regulieren, wird auch das zur Gewohnheit.
Titrieren statt Überfordern
Das Ziel: In kleinen Schritten in die Regulation gehen. Wie im Chemieunterricht: titrieren.
Nicht alles auf einmal angehen. Emotionen wahrnehmen und halten. Meinen inneren Safe space schaffen, indem ich mir das Signal „Es ist sicher“ sende. Schritt für Schritt mein Toleranzfenster erweitern.
Inspiriert von Peter Levines Arbeit zu Somatic Experiencing: „Es geht nicht darum, was der andere sagt. Es geht darum, was ich wahrnehme“. Meine Wahrnehmung ist gefiltert durch den Zustand meines Nervensystems.
Für deine Praxis: Reflexion und Regulation
Reflexion:
Beobachte dich in der Kommunikation. Wann bist du entspannt, präsent, offen? Wann mobilisiert, alert, im Kampf- oder Fluchtmodus? Wann im Freeze, innerlich abgeschaltet und abgespalten?
Diese Beobachtung ist der erste Schritt. Ohne Bewertung. Einfach wahrnehmen.
Regulation:
Lehn dich zurück. Spüre deine Füsse auf dem Boden. Bewusste Atemzüge, verlängertes Ausatmen. Gefühl innerlich benennen: „Da ist Wut. Da ist Ungeduld. Da ist Unsicherheit.“
Annehmen. Nur was da sein darf, kann gehen.
Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Die Herausforderung liegt im Tun. Im täglichen Üben. Im Verlangsamen, wenn alles in dir nach Tempo schreit.
Reflexionsfragen für dich
- Welche Situationen bringen dein Nervensystem zuverlässig aus der Balance?
- Wo flüchtest du in den Kopf, wenn Fühlen dran wäre?
- Was wäre, wenn du dem Grübeln zuhörst? Was will es dir sagen?
- Wann hast du zuletzt bewusst verlangsamt, obwohl alles nach Tempo verlangte?
Fazit
Emotionsregulation bedeutet nicht, nichts mehr zu spüren. Emotionen sind dein Radarsystem. Lerne, sie zu lesen. Nimm Tempo raus, verlangsame, entwickle mehr Spürgewahrsein.
Dein Nervensystem zu regulieren hat dir vermutlich niemand beigebracht. Die gute Nachricht: Du kannst es lernen. In jedem Alter. Mit jeder Erfahrung.
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